Das Jahresrad und seine verborgenen Kräfte
Frühling, Sommer, Herbst und Winter
Im Sommer erblüht das pralle Leben, während im Winter alles Stein und Bein gefroren unter einer dicken Schneedecke begraben liegt! So die etwas klischeehafte Verkürzung der Jahreszeiten, wie sie uns bekannt ist. Wir denken, dass im Sommer alle Kräfte natürlicherweise ihren Höhepunkt erreichen und im Winter ihren Tiefpunkt, wie z.B. das Wachstum der Bäume, oder die Aktivität der Murmeltiere belegen.
Aber daneben gibt es auch weitere Rhythmen und Kräfte im Jahresrad, die nicht ganz so offensichtlich zutage liegen, und die je ihren Höhepunkt in einer ganz anderen Jahreszeit haben. Diesen wollen wir in diesem Artikel etwas nachgehen.
Am einfachsten lassen sich die rhythmischen Auf- und Abbewegungen anhand von einjährigen Pflanzen illustrieren, z.B. dem Echten Johanniskraut (Hypericum perforatum).
Im Frühjahr keimen die Samen. Im Sommer erreichen die Pflanzen beim höchsten Sonnenstand ihre volle Blüte und bilden im Herbst die neuen Samen aus. Diese werden an ihren neuen Ort getragen und schlummern dann als "Informationskapseln" während der dunklen Jahreszeit im Boden, bis sie im Frühling von den wärmenden Sonnenstrahlen wieder geweckt werden.
Schauen wir uns einmal an, welche vier Kräfte und Rhythmen an diesem zyklischen Ablauf beteiligt sind.
Wachstumskraft
Die erst Kraft könnte man als Wachstumskraft bezeichnen. Diese erreicht im Frühling ihren Höhepunkt, wenn die Samen keimen und die jungen Pflänzchen in die Höhe schiessen.
Im Sommer dann lässt der Wachstumsschub bereits nach. Die Gewächse erreichen ihre volle Grösse und beginnen zu blühen. Das ist der Moment, in dem sich das Wachstum umkehrt und sich die Kraft wieder langsam in die Erde zurückzuziehen beginnt.
Der Herbst dann steht ganz im Zeichen der abbauenden Kräfte. Die Wachstumskraft hat ihr Minimum erreicht.
Mitten im Winter, wenn das ganze Land noch tief verschneit da liegt, erwachen im Verborgenen bereits wieder die ersten Frühlingsboten wie Schneeglöckchen und Krokusse.
Physische Form
Die zuvor beschriebenen Wachstumskräfte lassen immer mehr Biomasse entstehen, die im Sommer, als ein Vierteljahr später, ihr Maximum erreicht. Die "Physische Form" ist von allen Vieren der offensichtlichste Zyklus.
Im Herbst beginnen sich die Pflanzen wieder abzubauen und in den Boden zurückzuziehen, wo sie den Winter hindurch verbringen, sei es in Form von Samen, Wurzeln oder kompostierendem Stroh.
Im Frühling dann verbinden sich die Nährstoffe wieder mit den neu heranwachsenden Pflanzen, um im Sommer erneut ein Maximum an Pflanzenmaterial aufgebaut zu haben.
Man könnte diesen Rhythmus auch als eine Auf- und Abbewegung verstehen. Wasser und Nährstoffe erheben sich in Form einer Pflanze mehrere Zentimeter über den Erdboden und fallen schliesslich wieder zurück.
Oder wissenschaftlich könnte man mit der Entropie argumentieren - dem "Grad der Unordnung". Moleküle finden sich im Jahreslauf organisiert zu Zellen und Strukturen einer Pflanze zusammen, und zerstreuen sich anschliessend wieder beim Zerfall.
Fülle
Die dritte Kraft erreicht im Herbst ihren Höhepunkt. Das ist die Fülle. Der Herbst ist die Zeit des Überflusses. Nahrung ist reichlich vorhanden und die Tiere beginnen, ihren Wintervorrat anzulegen.
Im Winter wächst nichts mehr, aber die Vorräte tragen noch durch die kalte Jahreszeit.
Im Frühling dann, wenn bereits schon das erste Grün wächst, ist die Zeit der grössten Knappheit. Interessanterweise nicht im Winter, wie man intuitiv annehmen würde. Die Vorräte sind im Frühling fast aufgebraucht, aber die Natur liefert noch praktisch keine neue Nahrung. Bis sich im Sommer dann die Lage wieder langsam entspannt.
Lenkungskraft
Neben diesen drei offensichtlichen Kräften gibt es auch noch einen vierte, etwas mysteriöse Kraft, die im Winter ihren Höhepunkt erreicht. Man könnte sie vielleicht als Schöpfungskraft oder Lenkungskraft bezeichnen, oder als kreativen Wachstumsimpuls des Universums. Diese Kraft sorgt dafür, dass sich der Kreis des Jahresrades schliesst und ein neuer Zyklus einsetzt. Dann, wenn im Winter alles erstarrt darniederliegt, sorgt dieser konstruktive Impuls dafür, dass das Leben wieder erwacht und im Frühjahr neu austreibt. Das ist wie der Morgenkaffee, der auch eine Weile braucht, bis er wirkt.
Im Frühling, wenn das Werk getan ist, schwächt sich dieser Impuls ab, um im Sommer dann mit maximaler Stärke die Wachstumskraft in Richtung "Abbau" zu bewegen.
Analogie
Diese vierte Kraft ist sozusagen die "Absichtserklärung", oder der Kapitän auf der Brücke, der bestimmt, dass nun die Zeit gekommen ist, das Ruder umzulegen. In dieser Analogie wäre dann das Ruder die "Wachstumskraft" und der eigentliche Kurs des Schiffes die "Physische Form".
Wie man leicht sehen kann, reagieren die nachfolgenden Kräfte erst mit einer gewissen Verzögerung. Sie sind quasi die aufsummierte Wirkung der vorangehenden Kraft. Erst wenn das Ruder eine Zeitlang auf Backbord steht, beginnt sich das Schiff auch tatsächlich zu drehen.
Deshalb zeigen sich die Auswirkungen aller beschriebenen Kräfte erst jeweils ein Vierteljahr später.
Das Zusammenspiel der Kräfte
Jede dieser vier Kräfte erreicht ihr Maximum in einer anderen Jahreszeit. Natürlich ist die Unterteilung in Wirklichkeit viel differenzierter und auch nicht so klar abgrenzbar. Jede Pflanze blüht schliesslich zu einem etwas anderen Zeitpunkt. Aber diese Vereinfachung hilft, den Mechanismus zu verstehen.
Jede Kraft wirkt direkt auf die Nachfolgende ein und wird von der Vorangehenden selber beeinflusst. Erst im Zusammenspiel ergibt sich der zyklische Ablauf und damit das Bild des Jahresrades, das sich ohne Unterlass dreht in einem beständigen Auf und Ab der Jahreszeiten.
Dazu liesse sich noch ganz viel schreiben. Aber ich überlasse es gern dir als Leser*in, tiefer in dieses Thema einzutauchen, wenn du möchtest. :-)
Rhythmen erfahren
Wenn du das nächste Mal draussen in der Natur bist, spüre hinein, welche Kräfte und Rhythmen jetzt gerade wahrnehmbar sind. Gibt es dominante Kräfte? Welche wirken eher im Verborgenen?
Schärfe deine Sinne weiter! Kannst du auch die Kräfte wahrnehmen, die gerade ihr Minimum erreicht haben? Sie sind nie ganz weg. Auch im tiefsten Winter geht das Leben weiter. Ebenso wie es auch im Frühling abbauende Prozesse gibt und im Herbst neues Leben entstehen kann.