Innere Landkarte
Teil 2/2

Loewenzahn

Innere Landkarte, Teil 2

Anstatt die Welt durch unsere Sinnesorgane wahrzunehmen, verlassen wir uns meistens auf unsere Innere Landkarte. Was passiert nun aber, wenn sich dort Fehler eingeschlichen haben? Dann hat das gravierende Auswirkungen. Damit befasst sich dieser zweite Teil.

Wenn du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, starte bitte zuerst dort.


Täuschungen

Was passiert, wenn sich irgendwie falsche Informationen in unsere Innere Bibliothek eingeschlichen haben? Was geschieht, wenn das innere Körpermodell etwas anderes anzeigt als der physische Körper? Dann haben wir ein echtes Problem!
Wie im ersten Teil des Artikels beschrieben wurde, schauen wir meistens gar nicht mehr richtig hin, sondern öffnen einfach den bestehenden Registereintrag. Wir verwenden unsere Sinnesorgane eigentlich nur noch dazu, um das entsprechende File zu finden. Danach verlassen uns vollständig darauf, was dort drin steht. Alle Detailinformationen, welche unsere Sinne sonst noch liefern, werden aus Effizienzgründen schlicht ignoriert.

Weil wir unserer inneren Landkarte blind vertrauen, gehen wir aber gespeicherten Fehlinformationen sehr leicht auf den Leim. Weil wir können sie gar nicht als fehlerhaft erkennen!

Ein harmloses Beispiel sind optische Täuschungen. Wir sehen etwas, aber unsere innere Landkarte behauptet etwas anderes, oder interpretiert etwas hinein, was gar nicht vorhanden ist. Diese Diskrepanz fühlt sich ausgesprochen komisch an.

Phobien

Gravierender als optische Täuschen sind Phobien, die sich ebenfalls gut mit diesem Modell erklären lassen. Die Angst vor einem Objekt lässt dieses auf der inneren Landkarte anwachsen, bis es unübersehbar geworden ist. Dazu wird es noch mit Leuchtfarben markiert und mit einem grossen Schild versehen: Achtung Gefahr!

Dass dieses völlig verzerrte Innenbild eigentlich nichts mehr mit der Realität zu tun hat, fällt einem gar nicht auf. Stattdessen entdecken z.B. Leute mit einer Spinnenphobie garantiert jeden achtbeinigen Krabbler, selbst wenn er noch so klein ist. Gleichzeitig werden all die inneren Verknüpfungen aktiviert, die mit Gefahr, Angst und negativen Emotionen verbunden sind. Auch Überlebensinstinkte werden getriggert, was in der Folge eine heftige Reaktion nach sich zieht!
Dabei hat das Auge nur ein paar dunkle Pixel an der Wand gesehen! Alles andere geschieht ausschliesslich im Kopf!

"Kopfkino" könnte man auch sagen, wobei das nicht wertend gemeint ist. Denn leider hilft einem diese Erkenntnis bei der Bewältigung der Phobie im Alltag nicht weiter. Die Innere Landkarte zeigt unübersehbar eine Gefahr an! Und weil wir darauf reagieren, als ob die Bedrohung echt wäre, schaltet der Körper in den Alarmmodus.

Und das ist auch gut so! Ohne diese Fähigkeit, beim leisesten Knacken im Unterholz sofort zu reagieren, und ohne nachzudenken die Flucht vor dem Säbelzahntiger zu ergreifen, hätte die Menschheit das Paläolithikum wohl nicht überlebt! Respektive alle, die diese Reaktion nicht zeigten, sind frühzeitig verstorben, oft bevor sie ihre "furchtlosen" Gene weitergeben konnten. Das ist Evolution.

Vorteilhafte Anpassungen

Dieses Beispiel zeigt, dass es oft sogar vorteilhaft ist, wenn die innerer Landkarte nicht 1:1 die Umgebung abbildet, sondern gewisse Dinge als gefährlich hervorgehoben sind. Auch die heisse Herdplatte darf ein Warnschild tragen. Das ist sogar hilfreich, so lange sie nicht mit basalen Überlebensreaktionen verknüpft sind. Auf diese Weise sind wir vorsichtiger im Umgang damit, rennen aber beim Anblick nicht gleich schreiend davon.
Dass solche Reaktionen auch kulturell geprägt sind, zeigt zum Beispiel die Nutzung des Feuers, vor dem sich Wildtiere fürchten, der Mensch jedoch nicht. Nicht mehr, müsste man sagen.

Aber nicht nur gefährliche Objekte sind auf der Karte prominenter eingezeichnet, sondern auch lustvolle Dinge. So lockt und winkt die Tafel Schokolade wahrscheinlich stärker als die Packung Haferflocken gleich daneben. :-)

Im Falle einer Phobie hingegen wird das Ziel einer Therapie sein, das übertrieben gross dargestellte Objekt auf der Inneren Karte wieder mit der Realität abzugleichen, und auf eine überschaubare Grösse zu schrumpfen. Gleichzeitig werden neue Verknüpfungen erstellt zu positiveren Bildern und Assoziationen. Auch der heisse Draht zur "Alarmglocke" kann durch die neuen Erfahrungen wieder stillgelegt werden.

Trauma

Auch Traumata lassen sich mit diesem Modell erklären. Zu einem Trauma kann es kommen, wenn wir mit einer Situation konfrontiert sind, die uns dermassen überfordert, dass wir nicht mehr damit umgehen können. Dann bleibt dem Körper und der Psyche im Sinne des Überlebens nichts anderes übrig, als diesen Bereich abzuspalten und gewissermassen "einzufrieren". (Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit dieser Kurzbeschreibung).

Diese "eingefrorenen" Stellen lassen sich auch auf der inneren Landkarte wieder finden. Das sind Bereiche, die im Normalfall nicht wieder betreten werden, weil sofort die damit verbundenen Ängste wieder hoch kommen - und zwar in der alten Stärke! Also beginnt man diese Situationen zu meiden. Man richtet sein Leben so ein, um möglichst nie wieder damit in Kontakt zu kommen.
Aber das ist problematisch. Weil nicht nur ist in diesen Traumata pure Lebensenergie gebunden, das Leben wird auch empfindlich eingeschränkt durch diese Zonen. Und je mehr von diesen eingefrorenen Bereichen existieren, desto enger wird der Bewegungsspielraum.

Auch hier entspricht die innere Landkarte nicht mehr der Realität! Aber ebenso wie bei der Phobie reicht dieses Wissen allein noch nicht aus, um den Realitätsabgleich zu schaffen. Dafür bedarf es einer Traumatherapie. Damit können diese eingefrorenen Bereiche langsam wieder aufgetaut werden. Indem die lange verdrängten Emotionen endlich gefühlt werden, kommt neues Leben in diese Stellen hinein. Diese Bereiche werden langsam wieder "durchblutet". Vielleicht fühlt es sich an wie schmelzendes Eis. Gleichzeitig nimmt auch der Handlungsspielraum wieder zu, auf der inneren Landkarte, wie auch im realen Leben.

Eigenes Körperbild

Alle kennen bestimmt auch Menschen in ihrem Umfeld, die sich seit Jahren bemühen, einem gewisse Körperideal nachzueifern. Obwohl von aussen betrachtet dieses Ziel längst erreicht ist, halten sie weiter stur an ihren Bemühungen fest. Manche Männer trainieren ihre Muskeln nicht nur, bis sie eine sportliche Erscheinung abgeben, sondern treiben diese Bemühungen immer weiter bis ins Groteske.
Wieder andere versuchen krampfhaft, Gewicht zu verlieren und halten daran fest, obwohl sie längst untergewichtig sind. Das kann sich auch in einer milderen Form äussern, z.B. dass man mit seinem Normalgewicht ständig unzufrieden ist.
Offensichtlich spielt einem hier ebenfalls die innere Landkarte einen Streich, indem sie permanent vorgaukelt, dass man zu schwach, zu schwer, zu wenig hübsch, zu alt, zu ... sei!
Entscheidend ist eben nicht das, was tatsächlich im Spiegel zu sehen ist, sondern was unsere innere Erzählung darüber sagt. Was in unserer Inneren Bibliothek steht, das glauben wir, und nicht was unsere Sinnesorgane zeigen!

Dazu gibt es einen spannenden Ansatz des Haptik-Forschers und Psychologen Martin Grunwald der Universität Leipzig. Er lässt Leute mit Magersucht drei Mal täglich eine Stunde lang einen Neoprenanzug tragen. Über den starken, taktilen Reiz werden die Körpergrenzen neu erfahren, wodurch sich die Innere Landkarte wieder der Realität anpassen kann. [1]

Verspannungen

Viele Leute leiden auch unter unerklärlichen Verspannungen. Medizinisch ist nichts zu finden, trotzdem schmerzt vielleicht der Nacken oder der Rücken. Klassischerweise versucht man dann mit Massagen, Training oder Physiotherapie diesem Phänomen Herr zu werden.

An dieser Stelle lohnt sich wieder ein Blick hinter die Kulissen auf die innere Landkarte. Weil vielleicht ist das Problem gar nicht organischer Natur, sondern hat mit einem deformierten Körperabbild zu tun.
Wenn zum Beispiel das innere Modell in der Region des Nackens eine Delle nach innen aufweist, dann wird der reale Körper versuchen, sich dieser inneren Blaupause anzupassen. Die Folge ist eine hartnäckige Verspannung.

Das innere Abbild und der Körper interagieren ständig dynamisch miteinander. Deshalb gehen die Einflüsse in beide Richtungen. Es kann also durchaus sein, dass von aussen gesehen alles ok ist, und einfach nur das Modell deformiert ist. Dasselbe gilt auch für die Körperhaltung. Was "normal" ist und sich "gut" anfühlt, definiert nicht der Körper allein, sondern eben auch die Innere Landkarte. Deshalb hilft es auch nichts, jemandem zu sagen, er solle sich gerade hinstellen. Das interessiert das Körpermodell herzlich wenig. Erst nach und nach, mit vielen Wiederholungen beginnt sich auch die innere Vorlage der neuen Situation anzupassen.

Entscheidend ist immer, dass die Innere Landkarte durch einen Neuabgleich mit der Realität wieder auf den neusten Stand gebracht wird. Eine praktische Anleitung dazu, wie man so etwas machen kann, steht in diesem Blogbeitrag: Verspannungen lösen durch Realitäts-Check

Welchen unglaublichen Einfluss dieses innere Erleben hat, ist auch gut zu beobachten, wenn jemand unter Druck steht. Dann beugt sich der Körper ganz real unter der imaginären Last, obwohl es rational gesehen gar keinen Grund dafür gibt.

Inneres Erleben

Visuelle, auditive, olfaktorische und gustatorische innere Erfahrung

Für die Aussenwahrnehmung kennen wir die klassischen fünf Sinne: sehen, hören, riechen, schmecken und tasten. Daneben gibt es etwas Ähnliches, um die innere Landkarte zu erleben.

Beim Visualisieren erscheinen Bilder vor dem geistigen Auge. Wenn wir uns zum Beispiel eine saftige Blumenwiese vorstellen, erscheint diese bei den meisten sofort als buntes Bild. Wahrscheinlich ist es sogar eine Wiese, die man real einmal gesehen hat, oder eine kreative Kombination aus verschiedenen Bildern, an die wir uns erinnern.

Akustisch gibt es als Pendant dazu den Ohrwurm. Wenn uns eine Melodie den ganzen Tag begleitet, hören wir quasi das, was in unserer Inneren Bibliothek abgespeichert ist. Selbstgespräche werden ebenfalls auditiv so wahrgenommen.

Schmecken und Riechen funktionieren ganz ähnlich. Vielleicht erinnert man sich an den Duft einer Rose vom letzten Sommer. Oder man schmeckt die saure Zitrone im Mund, sobald man nur schon daran denkt.

Taktile innere Erfahrung

Auch für den Tastreiz gibt es eine innere Entsprechung. Viele kennen z.B. das Gefühl, wenn man einen Blick in seinem Rücken spürt. Oder wenn in einem Raum gerade "dicke Luft" herrscht, dann scheint das förmlich greifbar zu sein.
Interessanterweise fühlt sich eine solche Erfahrung täuschen echt an! Und man bildet sich das auch nicht nur ein. Physikalisch ist zwar nichts messbar, und rationale Gemüter werden das vorschnell als Einbildung abtun. Aber tatsächlich spürt der Körper hier eine taktile innere Wahrnehmung; so etwas wie die Erinnerung an einen Druck- oder Tastreiz.
Auch die Intuition, das Bauchgefühl, das innere Alarmsystem oder der innere Kompass können auf diese Weise mit dem Bewusstsein kommunizieren. Genau an dieser Schnittstelle kann das Unterbewusstsein mit den bewussten Schichten kommunizieren, mit Hilfe solcher innerer Wahrnehmungen. Dazu gehören auch die Emotionen.

Jeder kennt die Situation, dass man im Auto der Strasse entlang fährt, plötzlich wachsam wird und vorsorglich abbremst. Und tatsächlich huscht unmittelbar darauf eine Katze quer über die Strasse! Das Bewusstsein hat von der drohenden Gefahr rein gar nichts mitbekommen. Aber das Unterbewusstsein hat aus einer kleinen Bewegung im Augenwinkel sofort die drohende Gefahr erkannt, Stresshormone ausgeschüttet und sich mit diesem typischen "Gefahren-Gefühl" zu Wort gemeldet.

Neben solchen Gefahrensituationen kann z.B. auch die Vorstellung, seine Zehen ins eiskalte Wasser zu halten, eine taktile innere Wahrnehmung auslösen. Ebenso die Erinnerung an den ersten Kuss. Auch die imaginäre Last, wenn man unter Druck steht, kann wie oben beschrieben eine solche Erfahrung auslösen.

Wenn man genau hinschaut, ist mit den fünf Sinnen in der direkten Erfahrung nichts festzustellen. Das ist ein gutes Indiz, dass dieser Effekt nicht auf der körperlichen Ebene zu finden ist, sondern womöglich die innere Landkarte einen solchen Reiz auslöst. Der sich aber wie schon gesagt täuschend echt anfühlt!
Dies hängt auch damit zusammen, dass wir im Gegensatz zu visuellen Gedanken wenig bis gar keine Erfahrung mit imaginierten Tastreizen haben, und nicht darin geübt sind, diese von realen Tasterfahrungen zu unterscheiden.

Das innere Erleben beschränkt sich aber nicht auf diese fünf Wahrnehmungsformen, sondern kennt viele weitere Ausdrucksformen, von Emotionen über innere Antreiber bis hin zu einem Gefühl der Ich-Identität.

Aber das ist Stoff genug für weitere Artikel.



Inneres Erleben erfahren

Um sich mit dieser innerer Erlebniswelt etwas vertrauter zu machen, eignet sich die folgende Übung:

Setz dich einen Moment hin und registriere, was gerade im Aussen wahrgenommen werden kann. Gehe dazu nacheinander die fünf Sinne durch. Was ist zu sehen? Was zu hören, zu schmecken zu riechen und zu tasten?

Als nächstes wende den Blick nach innen. Welche Bilder gehen dir gerade durch den Kopf? Welche Stimmen oder was hörst du gerade? Kannst du dir den Geschmack deines Lieblingsgerichtes vorstellen? Wie riecht frisch gewaschene Wäsche? Wie fühlt es sich an, wenn du einen schweren Rucksack am Rücken trägst? Und wie, wenn du ihn wieder ablegst?

Viel Spass beim Experimentieren! :-)

Anhang

[1] Martin Grunwald, Interview: Tastsinn, Anorexie und Therapie mit Neoprenanzug