Wahrnehmung und Innere Landkarte
Teil 1/2
Wie funktioniert Wahrnehmung?
Wie genau funktioniert eigentlich unsere Wahrnehmung? Darüber macht man sich im Normalfall keine Gedanken. Wir schauen einen Gegenstand an und wissen intuitiv, ah, das rote, runde Ding am Baum ist ein Apfel. Aber haben wir tatsächlich einen "Apfel" gesehen? Woher wissen wir, dass das ein Apfel ist und keine Weihnachtskugel?
Die Sehzellen auf der Netzhaut nehmen lediglich bunte und verschieden helle Punkte wahr, ähnlich wie die Pixel einer Digitalkamera.
Auch nach der ersten Bildverarbeitung im Gehirn, wenn bereits ein runder Gegenstand erkannt wurde, wissen wir immer noch nicht, dass es sich dabei um eine Frucht handelt, dass sie wohlschmeckend ist und in ferner Vergangenheit mal den Namen "Apfel" bekommen hat.
Woher also wissen wir das alles? Der Gegenstand selbst trägt ja kein Etikett, auf dem das alles steht.
Innere Landkarte / Innere Bibliothek
An dieser Stelle kommt die Innere Landkarte ins Spiel. Oder man kann sich stattdessen auch eine Art Bibliothek vorstellen. (Ich verwende hier beide Begriffe synonym).
In dieser Bibliothek also sind all diese Informationen im Gehirn abgespeichert und vielschichtig miteinander vernetzt.
Bereits als Babys beginnen wir die Welt zu erkunden. Mit allem was wir erleben und lernen, bauen wir ein gewaltiges Informations-Netzwerk in uns auf. Wie in einer grossen Bibliothek sammeln wir alles Wissen, katalogisieren es, erstellen Verknüpfungen und ordnen alles richtig ein. Wir lernen nicht nur, wie ein bestimmter Gegenstand heisst, sondern auch wie er sich anfühlt, riecht, wie er klingt, ob er uns schmeckt, usw. Auch emotionale Aspekte werden damit verbunden, z.B. dass die Eltern sich freuen, wenn wir unser schönstes Babylächeln aufsetzen. Aber auch, dass sie weniger enthusiastisch reagieren, wenn wir auf Papas Kreditkarte herumkauen.
Wir lernen auch sehr schnell, was gefährlich ist, und dass es schmerzt, wenn wir die Finger auf die heisse Herdplatte halten. Oder dass das süsse Kätzchen auch blitzschnell seine Krallen ausfahren kann.
Auch die grösseren Zusammenhänge werden intuitiv gelernt und auf der Inneren Landkarte eingetragen: • Salat wächst im Garten • Man bekommt ihn aber auch in der Gemüseabteilung im Supermarkt - weniger frisch, dafür ohne Schnecken • Der grosse Bruder mag keinen Salat, Mama aber schon • Zum Frühstück gibt es nie Salat • Er schmeckt nur mit Dressing, usw.
Es ist also nicht nur ein Abspeichern von Fakten im Gedächtnis, sondern die ganzen Querverbindungen machen den Erfahrungsschatz so wertvoll. Erst die Verknüpfungen ermöglichen es, den verschiedenen "Gedankenlinks" zu folgen. Kreative Einfälle zum Beispiel entstehen, indem neue, ungewohnte Verbindungen entdeckt werden; auch zwischen Dingen, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben.
Informationen werden aber immer auch durch die "eigene Brille" gesehen und interpretiert. Das heisst, wir lernen nicht die puren Fakten, sondern bereiten diese unbewusst so auf, dass sie perfekt in unser bereits bestehendes Weltbild passen. Informationen und Sinneseindrücke, die dem widersprechen, werden schlicht ignoriert oder passend zurechtgebogen.
Unbewusstes Lernen
Was das Bewusstsein erfassen kann, entspricht nur der Spitze des Eisbergs. Der weitaus grössere Teil hingegen geschieht im Unbewussten. Während das Bewusstsein nur relativ wenig Informationen aufs Mal verarbeiten kann, arbeitet das Unterbewusstsein um Grössenordnungen schneller! Alle Reize, die nicht bewusst werden müssen, können aus Sicht des Gehirns effizient verarbeitet werden.
Hochsensible Menschen und Leute mit einer Reizfilterschwäche sind genau damit konfrontiert, dass deutlich mehr Informationen das Bewusstsein erreichen als beim Durchschnitt. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Das Unterbewusstsein steuert auch alle inneren Vorgänge des Körpers. So fliesst von dieser Seite her ganz viel in unsere Innere Bibliothek mit ein, z.B. wie sich die Muskeln unserer Hand zu bewegen haben, um nach einem Apfel zu greifen, welches Tastgefühl zu erwarten ist, wenn wir ihn berühren, oder wie ein stabiles Gleichgewicht auf der Leiter erreicht werden kann. Auch unsere gesamte Mimik, das Sprechen oder Singen müssen erst gelernt werden. Solche grundlegenden Fähigkeiten machen den Löwenanteil unserer Inneren Landkarte oder Bibliothek aus.
Registerschrank
All diese Informationen und Zusammenhänge sind also in unserer Gehirnstruktur gespeichert wie in einer riesigen Bibliothek. Wobei man sich das nicht wie Speicherbausteine eines Computers vorstellen darf. Die Informationen sind stattdessen direkt in den Strukturen und neuronalen Verbindungen angelegt.
Wenn wir nun einen Apfel anschauen, öffnet sich blitzschnell und unbewusst der "Registerschrank" mit der Aufschrift rotes, rundes Ding. Dort finden wir alle relevanten Informationen dazu, nämlich dass wir es Apfel nennen, dass es ein Lebensmittel ist, dass Äpfel uns schmecken, und dass diese Frucht sich in aller Regel nicht mit Zähnen und Klauen dagegen wehrt, vom Baum gepflückt zu werden. Evolutionär gesehen eine wichtige Information!
Vielleicht kommt uns dazu gleich auch eine Geschichte aus der Kindheit in den Sinn, wie wir auf Nachbars Apfelbaum erwischt wurden, oder es läuft uns schon das Wasser im Mund zusammen beim Gedanke an Mutters Apfelkuchen.
Die gespeicherten Informationen decken wirklich sämtliche Bereiche unseres Lebens ab, von reinem Faktenwissen, über Sinneseindrücke, bis hin zu emotionalen Erfahrungen. Dank den Verknüpfungen zu allen verwandten und übergeordneten Themen stehen uns auf einen Schlag auch alle weiteren Informationen zur Verfügung, die irgendwie einen Bezug dazu haben.
Was ist zu sehen?
Nun aber wird es spannend! Haben wir tatsächlich einen "Apfel" gesehen?
Nein, wir haben nur einen Sinnesreiz erhalten, der uns dazu veranlasst hat, in unserer inneren Bibliothek den Ordner rotes, rundes Ding hervorzuholen!
Anstatt den Apfel wahrzunehmen, schauen wir stattdessen meistens in unserem inneren File nach, was dort dazu steht! Dieser Prozess läuft so schnell ab und fühlt sich so natürlich an, dass man sich im Normalfall gar keine Gedanken darüber macht.
Und das ist auch gut so. Durch diese Abstraktion ist unser Gehirn erst in der Lage, so schnell zu reagieren und all die gelernten Informationen sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Wenn wir jedes Mal einen Gegenstand von Grund auf neu erleben und untersuchen müssten, kämen wir nirgendwo hin. Auch lässt sich damit sofort Wichtiges von Unwichtigem trennen und die unwesentliche Dinge ausblenden.
Diese Vereinfachung hat ganz viele Vorteile. Nicht nur läuft das Erkennen sehr viel schneller und energiesparender ab, auch haben wir auf einen Schlag unser gesamtes Erfahrungswissen darüber griffbereit.
Aber man muss sich bewusst sein, dass es sich dabei um eine krasse Vereinfachung handelt, bei der die meisten Informationen auf dem Weg unweigerlich verloren gehen! Auch haben wir so nicht unbedingt die wahren Informationen zur Hand, die wir tatsächlich haben könnten, wenn wir unsere Sinnesorgane gebrauchen würden. Stattdessen verlassen wir uns oft bequem nur auf die Informationen, die bereits schon vorhanden sind.
Wir sehen also meistens nicht den Gegenstand selbst, sondern rufen die Information ab, die wir bereits dazu in unserer Inneren Bibliothek gespeichert haben!
Dadurch sehen wir nicht mehr das Gesehene, sondern erleben alles gefiltert durch unsere bisherigen Lebenserfahrungen!
Körpermodell
Auch für unseren eigenen Körper erstellen wir ein inneres Abbild. Wir wissen, welche Augenfarbe wir haben und erkennen uns selbst, wenn wir in einen Spiegel schauen.
Darüber hinaus konstruiert unser Gehirn auch ein echtes 3D-Modell über die Position unserer Gliedmassen im Raum. Mit Hilfe unsere fünf Sinnesorgane, sehen, hören, riechen, schmecken und tasten, erschaffen wir ein realitätsnahes Modell, das es uns erlaubt, uns im Raum zu bewegen und mit der Umwelt zu interagieren. Informationslücken können dank dieses Modells gut überbrückt werden.
Selbst im Dunkeln, wenn wir unsere Hände und Beine nicht sehen, wissen wir stets, wo sie sich befinden in Bezug zum restlichen Körper. Auch ist es möglich, ohne hinzuschauen die Schnürsenkel zu binden oder mit geschlossenen Augen mit dem Zeigefinger die Nasenspitz zu berühren. Das alles ist nur möglich, weil unser inneres Körpermodell jederzeit selber alle benötigten Informationen generieren kann, selbst wenn die Sinnesorgane gerade keine Unterstützung bieten.
Das ist eine phantastische und unglaubliche Leistung des Gehirns!
Um dieses innere 1:1 Abbild möglichst akkurat zu halten, wird es permanent und unbewusst mit der Realität abgeglichen und auf dem neuesten Stand gehalten.
Aber auch hier gilt:
Was wir für unseren Körper halten, ist in der Regel nicht unser tatsächlicher Körper selbst, sondern nur das, was in unserer interaktiven 3D-Landkarte verzeichnet ist!
Innere Landkarte der Umgebung
Die Innere Landkarte beschränkt sich aber nicht nur auf unseren Körper, sondern schliesst auch die ganze Umgebung mit ein. Wenn wir die Augen schliessen, können wir problemlos angeben, in welcher Richtung sich der Lichtschalter befindet und wie weit er etwa entfernt ist.
Auch die vertraute Umgebung draussen ist auf dieser Karte verzeichnet, so dass man jeden Morgen zielstrebig den Weg durch den Grossstadtdschungel in die Bäckerei findet.
Und sonst einfach immer der Nase nach. :-)
Erleben, wie die Wahrnehmung im Detail abläuft
Übung 1
Setz dich für diese Übung einen Moment ungestört hin.
Nun schau dir irgend einen Gegenstand an. Versuche den Vorgang wie in Zeitlupe zu untersuchen.
Was genau sieht das Auge? Weiss das Auge, wie dieser Gegenstand heisst? Oder wofür er gebraucht wird?
Richte nun deinen Blick nach innen. Wenn du diesen Gegenstand siehst, was kommt dir dazu alles in den Sinn? Kennst du nun den Namen und den Verwendungszweck?
Wofür könnte man diesen Gegenstand sonst noch alles gebrauchen? Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt! :-)
Mit dieser einfachen Übung lässt sich unterscheiden, was tatsächlich gesehen wird, und was aus dem Gedächtnis abgerufen wird.
Übung 2
Für die zweite Übung schau einen Gegenstand nur einen Sekundenbruchteil lang an und schliesse dann die Augen.
Du hast den Gegenstand bestimmt erkannt, weisst worum es sich handelt, wie er heisst und wofür er gebraucht wird.
Versuche nun aber mal mit geschlossenen Augen zu beschreiben, wie er aussieht, welche Farbe er hat, aus welchem Material er besteht und welche Details er aufweist.
Überprüfe dann deine Antworten, indem du den Gegenstand noch einmal genau anschaust.
Anhand dieser Übung wird klar, wie blind wir eigentlich im Alltag unterwegs sind! Wir begnügen uns damit, den Gegenstand zu erkennen und die gespeicherten Informationen darüber abzurufen. Details interessieren das Gehirn nicht mehr, obwohl alles klar sichtbar vor unseren Augen wäre.
Diese Reduktion auf das absolute Minimum ist eine grossartige Leistung unseres Gehirns, ohne die wir uns im Alltag nicht vernünftig bewegen könnten. Aber es ist auch wichtig zu wissen, dass das was wir so beiläufig wahrnehmen, nur ein ganz kleiner Bruchteil der gesamten Wirklichkeit ist.
Bonusfrage
Wie sieht der Boden im Supermarkt aus, in dem du jeweils einkaufen gehst? Du hast ihn bestimmt schon tausend Mal gesehen! Wie sieht dort die Decke aus?
Wenn du das nächste Mal einkaufen gehst, schau mal genau hin. :-)