Sind Hochsensible weniger belastbar?

Kaminfeger mit Leiter auf einem Fahrrad

Fragen der Belastbarkeit

Hochsensible Menschen bekommen oft zu hören, dass sie nicht belastbar seien! Was ist dran an diesem Vorurteil?

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Leistungskurve. Die horizontale Achse steht für den externen Druck, also z.B. zeitliche Vorgaben, oder der Vorgesetzte, der mit der Peitsche knallt. Die vertikale Achse zeigt die tatsächliche Arbeitsleistung des Mitarbeiters an.

Leistungskurve durchschnittliche Person, äusserer Druck versus Arbeitsleistung

Durchschnittliche Person

Ohne Notwendigkeit zu arbeiten, bewegt sich im Normalfall erst mal nichts. Mit zunehmendem Druck beginnt die Arbeitsleistung anzusteigen. Ab einem bestimmten Niveau dann flacht die Arbeitsleistung ab und steigt irgendwann nicht weiter an. Die Person fühlt sich gestresst. Wenn der Druck trotzdem weiter erhöht wird, stellt sich ein Gefühl der Überforderung ein. Die Fehlerrate nimmt zu und die Leistung sinkt rapide ab, im Extremfall bis zum Zusammenbruch!
Richtig produktiv auf lange Sicht ist man eigentlich nur im linearen Bereich, weil dort auch die Erholungsphasen am kürzesten sind.

Überdurchschnittlich belastbare Person

Neben dem Durchschnittsbürger gibt es auch Personen, die sich durch eine besonders hohe Belastbarkeit auszeichnen. Sie zeigen eine ähnliche Kurve, die jedoch weiter nach rechts verschoben ist. Diese Menschen brauchen erst einen gewissen Druck, bis sie überhaupt in die Gänge kommen und liefern nicht selten ihre Arbeit erst auf den letzten Drücker ab. Dafür können sie höheren Belastungen standhalten.
Der innere Widerstand bei wenig Druck kennt jeder als den "inneren Schweinehund".

Leistungskurven hochsensible-, durchschnittliche- und belastbare Person, äusserer Druck versus Arbeitsleistung

Hochsensible Person

Bei hochsensiblen Personen nun ist die Kurve in die andere Richtung verschoben. Als wesentliches Merkmal sieht man, dass sie bereits ohne äusseren Druck aktiv sind. Das ist die viel beschworene "intrinsische Motivation". Hochsensible können von sich aus erkennen, was getan werden muss und beginnen bereits, die anstehenden Arbeiten zu erledigen, oder nutzen die Zeit für eine Optimierung der Arbeitsabläufe. Sie füllen zum Beispiel das Papier nach beim Kopiergerät, giessen die Blumen, bestellen Verbrauchsmaterial, kümmern sich um die Kaffeemaschine, tanken den Firmenwagen auf, usw.; alles Dienstleistungen für die Allgemeinheit, die jedoch selten honoriert werden. Erst wenn die Person nicht mehr dort beschäftigt ist, fällt allen anderen auf, dass plötzlich "nichts" mehr funktioniert.

Auf der anderen Seite ist die Belastbarkeit gegen oben begrenzt und Hochsensible geraten schneller in die Überforderung.

Optimale Einsatzorte

Während belastbare Personen erst unter Druck so richtig aufblühen, z.B. bei den Rettungskräften, als Krisenmanager, Börsenmakler oder Regisseure, brillieren hochsensible Menschen im Bereich mit niedriger Belastung und möglichst ohne Multitasking. Das sind oft Arbeiten, die eine grosse Zuverlässigkeit und Systematik über einen langen Zeitraum hinweg erfordern. Zum Beispiel in der Grundlagenforschung, beim Aufzeichnen wissenschaftlicher Messreihen oder beim Lösen komplexer Probleme. Auch für künstlerisch-kreative Arbeiten oder im Bereich der Heilung sind Hochsensible prädestiniert, weil sie einen natürlichen Zugang zu den feinen und leisen Tönen des Lebens haben.

Wer ist "besser"?

Wenn man die Menschen mit einer Waage vergleicht, entsprechen die Hochsensiblen vielleicht einer präzisen Laborwaage, während die robusteren Personen wie eine Brückenwaage ganze LKWs stemmen können.
Welche Waage ist nun "besser"? Antwort: Es kommt ganz auf den Aufgabe an!

Hochsensible mögen zwar weniger belastbar sein, sind aber die unübertroffenen Spezialisten, wenn ein hohes Mass an Zuverlässigkeit, Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen gefordert ist.

Oasen für Hochsensible

Ein wichtiger Punkt für Hochsensible ist die Erholung. Weil sie bereits ohne Druck aktiv sind, müssen sie sich selber stille Oasen schaffen, um überhaupt in die Entspannung zu kommen und wieder Energie tanken zu können.

Bewährt haben sich zum Beispiel tägliche Rituale wie fest eingeplante Yogaübungen, Tai-Chi oder Qi Gong. Auch kurze Auszeiten im Tagesablauf sind sehr hilfreich, z.B. in Form eines kurzen Mittagsschlafes oder einer Meditationspause.
Multitasking dagegen sollte nach Möglichkeit vermieden werden, ebenso laute und ablenkende Arbeitsumgebungen wie Grossraumbüros.