Verspannungen lösen durch Realitäts-Check
Hartnäckige körperliche Verspannungen
Hartnäckige Verspannungen brauchen nicht immer eine körperliche Ursache zu haben. Die Schulmedizin findet dann keinen organischen Auslöser und spricht von psychosomatischen Beschwerden. Zwar hat das Kind damit einen Namen, aber man ist der Heilung noch keinen Schritt näher.
Natürlich gibt es unzählige verschiedene Ursachen, welche zu Verspannungen, Schmerzen, Schwindel, Zähneknirschen, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden und anderen Problemen führen können. Und entsprechend vielfältig sind die Lösungsansätze; von Wärme, über Massagen, Salben, Dehnen, Bewegungsübungen, usw.
Vielleicht ist aber auch die folgende Methode einen Versuch wert, die nicht auf der körperlichen Ebene ansetzt, sondern mit der Vorstellung arbeitet, welche wir von unserem eigene Körper haben.
Worauf der Körper alles reagiert
Der Körper reagiert nicht nur auf physikalische Reize und geplante Handlungen, sondern auch auf die aktuelle psychische Verfassung, ja sogar auf Bilder und Muster, die sich nur im Verstand oder im Unterbewusstsein abspielen. Dieser Umstand ist besonders interessant, weil der Körper eigentlich ja nur auf handfeste Reize reflexartig zu reagieren bräuchte (abgesehen einmal von akuten Bedrohungssituationen). Die Herdplatte ist heiss, also zieht er die Hand zurück. Oder im Magen kommt eine Portion Popcorn an, was die Verdauungsprozesse in Gang setzt.
Daneben scheint es aber auch Körperreaktionen zu geben, die manchmal nicht auf eine direkte Ursache zurückgeführt werden können, wie gewisse Verspannungen.
Die innere Landkarte
Gerade wenn sich kein konkreter Auslöser finden lässt, lohnt sich ein Blick auf die Bilder und Vorstellungen, die der Verstand produziert.
Wichtig zu wissen ist, dass sich der Verstand aus Rationalitäts- und Bequemlichkeitsgründen nicht jedes Mal neu an der Realität orientiert, sondern bevorzugt auf seine innere Landkarte zurückgreift, die er irgendwann einmal in der Vergangenheit abgespeichert hat. Beim Computer würde man sagen, dass er auf seinen internen Cache zurückgreift, anstatt die Daten jedes Mal neu zu laden.
Wie beim Computer kann auch unsere innere Landkarte veraltet sein und nicht mehr der aktuellen Realität entsprechen. Ein Update wird aber erst vorgenommen, wenn die Diskrepanz so gross wird, dass der Verstand gezwungen wird, sich neu zu orientieren, oder wenn wir ganz bewusst hinschauen, und so einen neuen Abgleich mit der Realität vornehmen.
Hartnäckige Verspannungen, die sich keiner eindeutigen Ursache zuordnen lassen, können zum Beispiel die Folge einer veralteten inneren Landkarte sein. Das lässt sich relativ leicht mit folgender Übung herausfinden, und im Idealfall sogar gleich positiv beeinflussen.
Realitäts-Check und Update der inneren Landkarte
Leg dich dazu auf den Rücken und schliesse die Augen.
Spüre zuerst die Verspannungen im Körper. Wo genau zeigen sie sich und wie fühlen sie sich an?
In einem zweiten Schritt nun betrachtest du deinen Körper von aussen gesehen.
Drückt aktuell gerade irgend etwas physisch auf deinen Körper? Beengt etwas real deine Schultern, den Brustkorb oder den Nacken? Presst etwas deine Kiefer zusammen? Drückt etwas im Rücken?
Du spürst die Unterlage die dich trägt, aber ist da sonst noch etwas? Eine Kraft die real auf deinen Körper einwirkt und ihn dazu bringt, dagegenzuhalten? Wahrscheinlich nicht.
Drücken die Verantwortung, der Stress oder schwelende Konflikte physisch auf den Körper? Da ist vielleicht eine solche Belastung, aber die liegt nicht auf dem Körper.
In dem Moment, in dem du dir bewusst wirst, dass von aussen nichts Handfestes auf deinen Körper einwirkt, aktualisiert sich deine innere Landkarte. Du schaust und spürst bewusst hin, wie sich die Realität rund um deinen Körper herum gerade präsentiert. Und dabei stellst du fest, dass da nichts ist!
Spürst du, wie sich dein Körper aufgrund dieser Erkenntnis zu entspannen beginnt?! Da ist nichts, was jetzt gerade auf den Körper einwirkt, also braucht er auch nicht zu reagieren!
Du brauchst die Verspannungen nicht aktiv selber zu lösen, sondern dich nur zu vergewissern, dass da nichts Handfestes auf den Körper einwirkt. Damit lösen sich die Verspannungen von ganz allein.
Durch diesen einfachen Realitäts-Check verlieren die überholten inneren Bilder ihre Wirkung und der Körper orientiert sich wieder neu an der Realität.
Aber man muss die Übung tatsächlich machen! Nur durchlesen und sich vorstellen, wie sie wahrscheinlich wirken würde, funktioniert nicht, weil damit nur wieder bequem die innere Landkarte konsultiert würde.
Diese Übung ist tatsächlich so einfach wie sie scheint. Aber ohne regelmässigen Realitätsabgleich können solche Beschwerden u.U. hartnäckig bestehen bleiben über eine lange Zeit, bis der Abgleich vielleicht auf einem anderen Weg erreicht wird, z.B. über eine Physiotherapie, Massage, Krafttraining oder einen langen Urlaub. Genau hinschauen und hinspüren, was tatsächlich real ist, kann den Leidensweg entscheidend verkürzen.
Auch in akuten Stresssituationen oder im Sport kann diese Übung hilfreich sein. Der gefühlte Stress drückt nicht physisch auf den Körper. Es ist der Verstand, welcher dem Körper eine Drucksituation suggeriert. Und dieser reagiert pflichtbewusst genau so, als ob ihm eine echte Last aufgebürdet worden wäre! Das ist aber vollkommen unnötig, zusätzlich zur psychischen Belastung auch noch körperlich die Bürde zu tragen.
Regelmässig Wiederholen
Wahrscheinlich musst du die Übung mehrmals wiederholen über einen gewissen Zeitraum, weil sich die alten Bilder wieder einschleichen können. Aber mit etwas Übung kannst du den Realitäts-Check in jeder Situation in Sekundenschnelle durchführen, egal ob während des Zähneputzens, beim Anstehen an der Kasse oder auf der Joggingrunde.
Übung für Fortgeschrittene
Neben den äusseren Kräfte, die auf den Körper einwirken, kannst du dir auch der inneren Kräfte bewusst werden. Da ist z.B. ein gewisser Innendruck, der den Körper wie ein Ballon "aufbläst". Die entsprechende Gegenkraft kommt von den Zellen und den Strukturelementen, welche dem Körper seine Form geben. Diese Kräfte sind genau im Gleichgewicht.
Wirkt aber der Verstand hier vielleicht noch störend mit hinein, indem er z.B. den Körper dazu bringen möchte, sich zusammenzuziehen, um schlanker, grösser, kleiner, wichtiger, aufrechter, unterwürfiger oder bescheidener zu wirken?
Wie würde sich der Körper natürlicherweise ausrichten, ohne diese versteckte Agenda?
Wenn dir diese Übungen gefallen oder sich sogar gewisse Verspannungen lösen konnten, freue ich mich sehr über dein Feedback!