Urvertrauen

Blattknospe

Herausforderung oder Überforderung?

Ob wir eine Aufgabe mit Freude erledigen oder uns gestresst und überfordert fühlen, hängt nicht nur von unseren tatsächlichen Fähigkeiten ab, sondern von weiteren Faktoren.
Da ist zum einen die Motivation, weshalb wir eine Arbeit erledigen. Folgen wir unserem inneren Antrieb, weil wir das wirklich selber wollen, ist alles in Butter. Die Arbeit macht uns Spass und wird oft gar nicht als solche empfunden. Im Idealfall kommen wir sogar in einen Flowzustand, der uns richtiggehend trägt.

Anreiz oder Druck

Was passiert aber, wenn wir eine Arbeit nicht freiwillig erledigen wollen, sei es weil wir dazu verpflichtet sind z.B. durch einen Arbeitsvertrag oder weil die Gruselecken in unser Wohnung ein Ausmass angenommen haben, die eine gründliche Putzaktion erfordern?

Auf solche Drucksituation können wir auf zwei Arten reagieren. Entweder wir machen uns gewissermassen das Ziel zu eigen und erledigen die Aufgabe ohne viel Aufhebens, oder wir geraten in die Defensive, fühlen uns gestresst und unter Druck gesetzt.

Anders als uns nun leider viele Ratgeber weis machen wollen, ist es nicht damit getan, positiv zu denken, und "Simsalabim" - schon sind wir auf mirakulöse Weise zurück auf der Überholspur! Der Grund dafür ist, dass der Körper instinktiv aus den tiefen Schichten des Nervensystems heraus reagiert; aus einem Bereich, der für bewusste Gedanken und Entscheidungen gar nicht zugänglich ist. Das ist etwa so, wie wenn man sich einen Reflex abgewöhnen möchte. Das funktioniert nun mal nicht auf der Verstandesebene.

Die gute Nachricht ist aber, dass sich auch die unwillkürlichen Reaktionen aus den tiefen Schichten positiv beeinflussen lassen, damit man sich von schwierigen Situationen eben nicht mehr so schnell unter Druck gesetzt fühlt. Aber dafür braucht es einen anderen Ansatz, den ich im Folgenden beleuchten möchte.

Das menschliche Gehirn

Gemäss dem vereinfachten Gehirnmodell von Paul D. MacLean sind im Laufe der Evolution drei Bereiche entstanden:

  • Der älteste Bereich ist der Hirnstamm, auch "Reptiliengehirn" genannt. Dieses sichert einem Lebewesen das Überleben, steuert automatische Abläufe wie den Herzschlag, die Atmung, die Darmtätigkeit und andere Stoffwechselvorgänge. Ebenso werden hier die Reflexe gesteuert.
  • Darüber angeordnet ist das Limbische System. Hier sind die Emotionen und Triebe zuhause.
  • Der evolutionsgeschichtlich jüngste Teil des Gehirns ist die Grosshirnrinde, die mit 90% auch den grössten Teil Volumens ausmacht. In diesem Teil finden die eigentlichen Denkprozesse statt, unsere Sprache, aber auch die Verarbeitung der sensorischen Reize z.B. der Augen und Ohren.

Automatische Körperreaktionen

Wenn einer unserer steinzeitlichen Vorfahren das Pech hatte, plötzlich einem Höhlenbären gegenüberzustehen, wird sein Körper sofort Stresshormone ausgeschüttet haben für eine mögliche Kampf- oder Fluchtreaktion. Und ohne nachzudenken dürfte er reflexartig das Weite gesucht haben.
Genau dieselben Mechanismen, die uns damals in der Wildnis das Überleben gesichert haben, sind auch heute noch in uns aktiv und werden getriggert, wenn wir uns z.B. von einer Aufgabe überfordert fühlen. Das geschieht völlig automatisch, gesteuert durch die tieferen Gehirnschichten und das Nervensystem, ohne dass wir bewusst etwas dagegen unternehmen können.

Sicherheit

Die Aufgabe des Stammhirnes ist es, unser Überleben zu sichern! Dass wir uns wohl fühlen, dafür ist es nicht zuständig. Das heisst, bei drohender Gefahr schrillen sofort im ganzen Körper die Alarmglocken und sämtliche Kräfte werden mobilisiert für eine Kampf- oder Fluchtreaktion. Es geht im Kern also immer um Sicherheit!

Wenn wir unter diesem Blickwinkel schauen, welcher Anteil sich in uns nicht sicher fühlt, sobald uns eine Aufgabe überfordert, stossen wir auf das "Innere Kind".

Das Innere Kind

Dieser Archetyp in jedem von uns kann man sich als verspielt, neugierig und als Quelle der Lebensfreude und Kreativität vorstellen. Aber das Innere Kind hat auch eine verletzliche Seite und braucht die Sicherheit, Liebe und Geborgenheit der Eltern, die ihm einen sicheren Rahmen für seine Entfaltung bieten.

Und genau dieses Sicherheitsgefühl für unser Inneres Kind ist der Schlüssel zum Verständnis, ob uns eine Situation überfordert oder nicht!

Urvertrauen

Wer das Glück hatte, in seinen ersten Lebensjahren unter optimalen und liebevollen Bedingungen aufzuwachsen, wird in seinem Nervensystem ein Grundgefühl der Sicherheit und des Vertrauens gespeichert haben - oder anders ausgedrückt: ein gesundes Urvertrauen. Dieses signalisiert dem Körper, dass das Leben grundsätzlich ein sicherer Ort ist. Das ist die Basis für eine optimistische Lebenseinstellung und dass man Herausforderungen grundsätzlich positiv und mit einer kindlichen Entdeckerfreude angehen kann. Denn das Nervensystem signalisiert: alles ist sicher!

Entwicklungstrauma

Anders sieht es aus, wenn man z.B. aufgrund eines Entwicklungstraumas oder Bindungstraumas, welches in der westlichen Welt weit verbreitet ist, nicht über dieses bedingungslose Urvertrauen verfügt. Dann ist das Nervensystem ständig auf der Hut und schlägt lieber einmal zu oft Alarm, selbst wenn es sich rational gesehen um gar keine lebensbedrohliche Situation handelt. Denn im Kern fühlt sich das Nervensystem tatsächlich bedroht! Und gemäss seiner Aufgabe wird es alle Reserven des Körpers mobilisieren, um das Überleben zu sichern! Das ist die beobachtete Stressreaktion. Nicht wenige berichten auch, dass sich das ganze Leben recht anstrengend anfühlt, wie ein ständiger Überlebenskampf.

Neues Urvertrauen schaffen

Wie aber vermittelt man nun seinen tieferen Gehirnschichten und dem Nervensystem, dass alles sicher ist? Dies kann zum Beispiel über eine körperorientierte Traumatherapie geschehen, Somatic Experiencing, Tension Release Exercises (TRE), Atemtherapie oder dem bewussten Arbeiten mit dem "Erwachsenen Ich" und dem "Inneren Kind".

Erwachsenen Ich und Inneres Kind

Stell dir eine Situation vor, auf die du gestresst reagiert hast.
Wenn du nun hinein spürst, wird du feststellen, dass du wahrscheinlich automatisch in die Rolle des Inneren Kindes geschlüpft bist.

Versetze dich nun als nächstes in die Erwachsen Rolle, schau dich im Raum um, spüre deinen Körper und mache dir klar, dass jetzt gerade alles absolut sicher ist. Du hast ein Dach über dem Kopf, der Kühlschrank ist gefüllt und körperlich bist du vollkommen sicher.

Nun stellst du dir noch einmal die stressige Situation vor, bleibst aber voll und ganz in deiner Erwachsenenrolle. Du siehst dein Inneres Kind vor dir und legst ihm in Gedanken die Hände auf den Rücken. Du vermittelst ihm ein liebevolles Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, wie es Eltern für ihre Kinder tun. Alles ist vollkommen sicher.

Was kannst du nun beobachten? Wahrscheinlich beruhigt sich das Innere Kind und die zuvor stressige Situation erscheint weniger bedrohlich. Entsprechend nehmen auch die Körperreaktionen ab und im Optimalfall wird sogar die Entdeckerfreude des Kindes geweckt.


Mit Hilfe solcher Methoden lässt sich auch im Erwachsenenalter eine sichere, innere Basis bilden. Indem man sich selbst die bedingungslose Liebe und Sicherheit bietet, die man als Kind vermisst hat, lässt sich mit etwas Geduld nachträglich ein gesundes Urvertrauen aufbauen.
Das geschieht nicht von heute auf morgen und geht mit Unterstützung einer Traumatherapie sicher einfacher. Aber nur schon, indem man sich selbst immer wieder eine gute Mutter oder ein guter Vater ist und gerade in schwierigen Situationen bewusst in der Erwachsenenrolle bleibt, gewöhnt sich das Nervensystem mit der Zeit daran, gelassener auf Herausforderungen zu reagieren.

Hervorragend geeignet als Unterstützung sind deshalb auch Yoga, Tai Chi, Quigong, Atemmeditation, usw., weil sie genau auf dieser körpernahen Ebene ansetzen und das Nervensystem harmonisieren und beruhigen.

Nur weil man als Kind vielleicht keine optimalen Startbedingungen hatte, bedeutet nicht, dass man ein Leben lang unter einem mangelnden Urvertrauen leiden muss! Die Traumaforschung hat inzwischen grosse Fortschritte gemacht. Mit körpernahen und emotionsbasierten Methoden ist es möglich, in seinem Gehirn und Nervensystem auch nachträglich noch ein sicheres und tragfähiges Fundament zu schaffen und das Leben grundsätzlich als freundlich und wohlgesinnt zu erleben.


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