Zeit sparen
Zukunftsvision
Zum Jahreswechsel habe ich ein spannendes Interview eines Zukunftsforschers gehört. Er geht davon aus, dass wir dank zukünftiger Technologien wie selbstfahrenden Autos und Künstlicher Intelligenz von vielen lästigen Routinetätigkeiten entlastet werden. Damit hätten wir endlich wieder Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens, die wir mit der Familie verbringen können oder um uns selbst zu verwirklichen.
Das grosse Versprechen
Mit genau dem gleichen Versprechen ist aber schon der Computer angetreten, das Smartphone und viele andere Erfindungen. Hand auf's Herz! Haben wir seither mehr Zeit? Nein, im Gegenteil! Diese Geräte nehmen uns zwar gewisse Arbeiten ab und erledigen sie zweifellos professioneller, schaffen aber gleichzeitig selber wieder neue Abhängigkeiten und Probleme, die wir ohne diese Technologien nicht hätten.
Jeder, der schon mal ein störrisches Programm installieren wollte oder an einem Update fast verzweifelt ist, kann ein Liedlein davon singen. Oder wenn eine Warnleuchte im Auto angeht, verbunden mit einer kryptischen Fehlermeldung, mit der einzige die Servicestelle etwas anzufangen weiss.
Bei all diesen technologischen Ansätzen gibt es in Sachen Zeitersparnis zwei Denkfehler:
• Erstens unterschätzt man notorisch den Aufwand, den ein neues Gerät verursacht. Die Einrichtung eines Faxgerätes ist ein Kinderspiel verglichen mit dem jahrelangen Training eines persönlichen, digitalen Assistenten, der uns dereinst die Routinearbeiten abnehmen, E-Mails automatisch beantworten und die Steuererklärung selbständig ausfüllen soll.
• Der zweite Fehler besteht darin, anzunehmen, dass automatisch mehr Zeit und Freiraum entsteht, sobald all die lästigen Dinge des Alltags wegfallen.
Zeit haben
Zeit zu "haben" ist ein Entscheidung und nicht mit der verwendeten Technologie oder der Abwesenheit von Arbeit gleichzusetzen! Und diese Entscheidung nimmt uns niemand ab!
Die Gefahr besteht viel mehr, dass wir den neu gewonnenen Freiraum sofort mit den erweiterten Möglichkeiten dieser Technologie wieder ausfüllen. Je schneller z.B. die Zugverbindungen werden, desto weitere Strecken pendeln die Leute. Womit wir zeitmässig wieder gleich weit sind.
Was nicht heissen will, dass nicht auch ich die Vorzüge einer Waschmaschine zu schätzen weiss. :-)
Geschichte: Der Fischer und der Unternehmer
Ein armer Fischer sass gemütlich an einem Strand und angelte mit einer einfachen Rute. Ein reicher Unternehmer sah das und ging zu ihm hin.
"Hör mal, wenn du statt hier am Strand dort draussen beim Felsen angeln würdest, könntest du deutlich mehr Fische aus dem Wasser ziehen. Du könntest dir dann eine bessere Angelrute kaufen und deinen Ertrag deutlich steigern."
Der Fischer hörte interessiert zu. "Und dann?", fragte er.
"Oh, schon bald könntest du dir ein Boot leisten!"
"Und dann?"
"Mit einem Boot könntest du deine Fangerträge verzehnfachen und schon bald hättest du das Geld beisammen, um eine ganze Crew anzuheuern, welche die Arbeit für dich macht. Wäre das nicht toll?"
"Ja und dann?", fragte der Fischer.
"Dann - dann hättest du alle Zeit der Welt, um gemütlich am Strand zu sitzen und zu angeln!", strahlte der Unternehmer.
"Aber das mache ich doch jetzt schon."